Ein ganz normales Wochenende
Ich hetze zum Bahnhof, meine Mitfahrgelegenheit wartet. Schnell rein ins Auto und ab nach Berlin denke ich. Und eigentlich ist mir bei dem Gedanken gar nicht wohl, wenn ich daran denke was vor mir liegt. In Berlin raus aus dem Auto, rein in die S-Bahn, Reisetasche, Handgepäck und meinen Anzug in den Händen. Ich schaue auf die Anzeigetafel und meine S-Bahn nach Adlershof kommt als Nächste. Na wenigstens brauch ich nicht umsteigen, denke ich und alles nur weil mein Dad nicht durch den Freitagnachmittagverkehr durch die Stadt will. Naja er hat ja Recht.
Schön, ich habe einen Sitzplatz ergattert und gleich mal schnell noch die zwei Sitzplätze gegenüber blockiert mit meinem ganzen Gepäck. Die Leute schauen zwar komisch, aber was soll ich machen?! Die S- Bahn zuckelt von Bahnhof zu Bahnhof und sie wird immer voller. Irgendwann bleibt mir nichts anderes übrig als mein ganzes Gepäck doch auf mir zu stappeln, ansonsten hätten mich die Leute gelüncht und aus der S- Bahn geworfen. Ich liebe öffentliche Verkehrsmittel. Mittlerweile sitzt mir eine Frau mittleren Alters gegenüber. Sie sieht gut aus für ihr Alter, lediglich an den Händen und am Hals ist zu erkennen, daß sie die 40 schon überschritten hat, vermutlich sogar die 50. Sie trägt eine dunkle Sonnenbrille und doch ist nicht zu verkennen, daß sie mit den Tränen kämpft. Keiner scheint Notiz von ihr zu nehmen, nur ich, ich sitze ihr ja auch genau gegenüber. Wahrscheinlich wäre sie mir sonst gar nicht aufgefallen. Und so sitze ich nur da und schau sie an, immer wieder, bin aber unfähig was zu sagen. Irgendwas, nur was?
Meine Station kommt, wo ich aussteigen muß. Ich rappel mich mit meinem Gepäck auf, dränge mich durch die Massen auf den Bahnsteig und das Einzige was mir bleibt, ist ihr vom Bahnhof aus alles Gute zu wünschen. Sie schaut mich an, versucht zu lächeln und auf ihren Lippen kann ich ein Danke lesen.
Ein paar Stunden sind vergangen. Mittlerweile bin ich mit meinem Dad und dem Auto weitergefahren. Er ließ mich am Bahnhof erstmal eine geschlagene dreiviertel Stunde warten. Naja was soll ich sagen, es war eine Kombination aus Freitagnachmittagverkehr und "ich muß nur noch schnell tanken" und "ich habe eine neue Tankstelle ausprobiert, die war am preiswertesten; dabei habe ich mich auf dem Weg zu Dir verfahren". Naja schön, wenn man dem Fortschritt eine Chance geben würde und ein Handy hätte um anzurufen. Stattdessen habe ich mir kurzzeitig Sorgen gemacht, ob er nicht vielleicht einen Unfall hatte. Egal, wir sind angekommen, in einem kleinen Dorf in Thüringen an der Grenze zu Sachsenanhalt, wo ich keinen Empfang mehr mit meinem Handy habe und also folglich auch keinen Hilferuf aussenden kann, wenn ich kurz davor bin mich in die Helbe zu stürzen.
Meine Großmutter hatte Geburtstag, ihren 80sten und der soll natürlich groß gefeiert werden. Ich habe ehrlich gesagt keine Lust darauf und so bin ich nur um des lieben Familienfriedens mitgefahren. Ich habe keine Lust auf die Leute, ich meine wir reden hier nicht von einer Familienfeier im engsten Familienkreis, sondern von einer Familienfeier im weiteren Familienkreis, natürlich die schwarzen Schafe mal ausgesondert (aber das nur am Rande - und warum bin ich eigentlich noch nicht dem Kreis der schwarzen Schafe beigetreten? Da sollte ich mal drüber nachdenken, aber das werde ich später tun, bei einer guten Flasche Rotwein.), die langjährigen Freunde, inclusive Kirchenchor und alte Kriegsveteranen. Das Ganze beläuft sich in der Regel so bei 100 Personen, na diesmal sollen es nur 75 sein. Wir werden sehen. Ich habe keine Lust auf Leute die ich nicht kenne, die mich aber kennen, aber wahrscheinlich nicht wiedererkennen, obwohl so anders sehe ich ja nun auch wieder nicht aus, und ich habe keine Lust auf Fragen, auf die ich nicht zu antworten weiß, um meine Großmutter nicht in Verlegenheit zu bringen. Ich hasse die Vorstellungsrunde, die sie immer macht. Als ob nicht jeder weiß, wer die Kinder inclusive Ehefrauen oder eben auch nicht, Enkelkinder und mittlerweile auch Urenkelkinder sind (ich übertreibe - es ist nur ein Urenkelkind; zumindest weiß ich nur von einem).
Meine Großmutter eröffnet das Kuchenbuffet, nachdem sie, wie mein Onkel zu sagen pflegt, sich am Morgen noch zum Sterben hinlegen wollte (Ihr Arzt sagt, daß er keinen kennt der mit 80 so fit wie meine Großmutter ist. Sie wird wahrscheinlich noch 100 Jahre alt.), ohne eine Vorstellungsrunde. Ich atme zum ersten Mal entspannt in meinem dunklen Nadelstreifenanzug durch. Ich bedanke mich innerlich bei meiner Mum, da scheint das Gespräch doch was gebracht zu haben. Die ersten Gäste, sprich wir Enkelkinder stürzen zum Kuchenbuffet. Ihre Quarktorte ist vorzüglich (nicht zu vergessen ihre Eisenwaffeln, aber die gibt es heute natürlich nicht), sie ist nicht zu übertreffen, obwohl ich sonst Quarkkuchen oder -torten überhaupt nicht mag. Die sind immer so trocken. Nur ihre Quarktorte eben nicht, das muß man ihr lassen.
Mittlerweile haben wir die Sitzordnung etwas gelockert. Ich sitze mit meinem Onkel zusammen, der sich gerade nach meinem Befinden erkundigt, als meine Großmutter zur Vorstellungsrunde ansetzt. Mir wird dreht sich der Magen. Warum nur denke ich, warum tut sie das? Ich bin überrascht als sie nur ihre Söhne mit Familie vorstellt, ohne jedes einzelne Familienmitglied zu benennen. Aber danach läßt sie es sich nicht nehmen noch die anderen Gäste vorzustellen, Name, und welchem Zusammenhang sie zu ihnen steht. Das Ganze dauert eine Ewigkeit. Am Ende steht einer der Kriegsveteranen auf um ein paar Worte an meine Großmutter und alle die es sowieso nicht hören wollen zu richten. Ich will es auf gar keinen Fall hören, stehe auf und verlasse den Raum. Vor dem Haus, höre ich noch seine Stimme und dann plötzlich eine Fanfare, vielleicht war es auch eine Trompete, die zum Marsch geblasen wird. Manchmal frage ich mich wirklich wer bei Stalingrad im Krieg war, meine Großmutter oder war es doch mein Großvater?!
Na das kann ja noch ein schönes Wochenende werden.
Na das kann ja noch ein schönes Wochenende werden.
